THS-Nachbarschaftshilfe unterstützt demenzerkrankte Mieter
Gelsenkirchen, 30.03.2010. Gemäß der Deutschen Alzheimer Gesellschaft sind etwa 1,2 Mio. Menschen in Deutschland an einer Demenz erkrankt, davon leben derzeit rd. 85% in den eigenen vier Wänden und werden häufig nur von ihren Angehörigen betreut. Sowohl aus wirtschaftlichen Überlegungen als auch aus einer umfassenden Verantwortung für ihre Mieter heraus konzentriert sich die Wohnungswirtschaft seit einigen Jahren intensiv auf die Erweiterung von Serviceangeboten insbesondere für Senioren. Den Vorstoß auf ein – zu-mindest für wohnungswirtschaftliche Unternehmen – noch unbekanntes Terrain wagte die der THS Wohnen GmbH angeschlossene THS-Nachbarschaftshilfe in Lünen jetzt in Kooperation mit dem Demenz-Servicezentrum Nordrhein-Westfalen, Region Dortmund. Angeboten wurde eine dreißigstündige Schulung für Ehrenamtliche als Demenzbegleiter. Künftig wollen sie demenzkranke Mieter besuchen und damit deren Angehörigen entlasten.
„In dreißig Stunden kann man schon eine Menge vermitteln“.
Ein bunter Teilnehmerkreis findet sich zum ersten Treffen der THS-Nachbarschaftshilfe an der Richardstraße ein, um „alles über Demenz“ zu erfahren. So unterschiedlich wie das Alter zwischen 24 und 60 Jahren ist auch die Motivation der 20 Männer und Frauen, an der Schulung teilzunehmen. Die reicht von Berührungspunkten in der eigenen Familie oder bei Freunden über den Wunsch, etwas Sinnvolles zu tun bis hin zu der pragmatischen Überle-gung, dass sich Arbeitslosengeld II besser mit den Aufwandsentschädigungen für ehren-amtliche Tätigkeiten vereinbaren lässt als mit einem 400-Euro-Job. Es gibt sie also schon, die soziale Arbeit für Transferleistungsempfänger – ganz freiwillig und mit der richtigen Motivation. Erstaunlich und zugleich erfreulich: Knapp die Hälfte der anwesenden Ehren-amtlichen sind Frauen mit einem Migrationshintergrund. Eine gute Voraussetzung, denn Migranten lassen sich erfahrungsgemäß nur von Menschen gleicher Nationalität betreuen.
Den Zahn, in insgesamt fünf Tagen alles über Demenz erfahren zu können, muss Schu-lungsleiter Bert Schulz der Gruppe direkt zu Beginn ziehen: „Über diese Erkrankung kann man 900 Stunden reden, ohne alles gesagt zu haben.“ Aber darum geht es letztendlich auch nicht. Die Schulung soll die Teilnehmer darauf vorbereiten, mit dem Erkrankten regelmäßig ein paar für ihn möglichst schöne Stunden zu verbringen und die Angehörigen damit zu entlasten. Dazu wird hier grundsätzliches Wissen u.a. zu den verschiedenen Formen und Stadien von Demenz, zu den unterschiedlichen Verhaltensweisen, Bedürfnissen und Fähigkeiten der Erkrankten und zu den Möglichkeiten, die gemeinsame Zeit zu gestalten, vermittelt. Und dazu wirbt Bert Schulz vor allem um Einfühlungsvermögen und um für Verständnis für eine Erkrankung, die im meist fortgeschrittenen Alter jeden treffen kann.
Auf das Wohlergehen der Ehrenamtlichen legt Schulz indes ebenso viel Wert wie auf das der potentiellen Betreuten. Es helfe niemandem, über seine physischen oder psychischen Grenzen zu gehen. „Hier geht es nicht um die Betreuung von Schwererkrankten“ stellt der Diplompädagoge auf die Frage, was man den mache, wenn der Demenzkranke nicht mehr schlucken könne, schnell klar. „Als Laienhelfer fahren Sie nirgendwohin, wo jemand nicht mehr schlucken kann“! Und beugt gleich weiter vor: „Ebenso wenig sind Sie eine billige Haushaltshilfe oder für die Familienbespaßung verantwortlich“. Der Mann hat seine Erfah-rungen gemacht.
Grund zur Sorge hat er in Lünen nicht: Die Vermittlung der ehrenamtlichen Helfer erfolgt nach sorgfältiger Vorauswahl und gemeinsamen Gesprächen durch Walburga Bomholt, Diplom-Sozialpädagogin und seit vielen Jahre in der Betreuung Ehrenamtlicher bei der THS Nachbarschaftshilfe aktiv.
„Egal was man in der Zeit macht – man macht es gemeinsam“.
Und wie geht man mit einem Demenzerkrankten denn nun um? Nach fünftägiger Schulung wissen die Teilnehmer: Für die Beschäftigung von Menschen mit Demenz gibt es keine Rezepte. Es ist daher sinnvoll, erst einmal hinzuschauen, bevor man hilft. Denn Demenz-erkrankte wollen oft gar kein Superprogramm und fühlen sich schnell überfordert. Auf der anderen Seite können sie jedoch häufig noch eine Menge. Der Grat zwischen Über- und Unterforderung ist demnach schmal. Wesentlich ist es, mit dem Dementen in seine Welt zu gehen, seine subjektive Wahrheit zu akzeptieren und ihn nicht durch das Infrage stellen seiner Aussagen zu verunsichern. Hauptsache, er führt ein zufriedenes Leben im Rahmen seiner Möglichkeiten.
An der abschließenden Gruppenarbeit „Wie verbringe ich am Nachmittag drei Stunden mit der demenzerkrankten Frau B./dem demenzerkrankten Herrn F.“ wird einiges nochmals deutlich. Herr F. beispielsweise hatte gestern Geburtstag. Die Frage nach Gästen oder Geschenken ist fatal, wenn er sich daran gar nicht mehr erinnern kann. Auch die Ermunte-rung zu Aktivitäten, zu denen der/die Gastgeber/in schon zu gesunden Zeiten keine Lust hatte, ist wenig erfolgversprechend. Lieber wöchentlich ähnliche Beschäftigungen wiederholen, an denen der Erkrankte Freude hat und die sein Identitätsgefühl positiv beeinflussen. Das Wichtigste: Man macht etwas gemeinsam und der Erkrankte ist beteiligt. Denn: „Ich kann etwas und ich bin jemand“ ist für gesunde wie kranke Menschen gleichermaßen wichtig. Und Bert Schulz hebt das nochmals deutlich hervor: „Loben, loben, loben! Und immer vor Augen haben: `Der Geist stirbt, aber die Seele nie´.“
Stolz auf so viel Einsatzfreude
Christiane Neuhaus, Leiterin der Abteilung Sozialmanagement der THS Wohnen GmbH, freut sich über Engagement und Durchhaltevermögen der Teilnehmer: „Wir sind stolz auf die Bereitschaft unserer Mieter und Vereinsmitglieder, sich auch in diesen schwierigeren Aufgabenbereich so intensiv einzubringen. Und wenn wir dann bei einem solchen Kursan-gebot noch die hohe Zahl der türkischstämmigen Anwohnerinnen sehen, freut uns das na-türlich sehr. Denn es ist auch der Lohn für die intensive Integrationsarbeit, die wir hier als Wohnungsunternehmen mit dem Nachbarschaftshilfeverein angestoßen haben und zugleich ein Vertrauensbeweis für diese Arbeit“.
Der THS Nachbarschaftshilfe e.V.
Seit 16 Jahren ist der THS Nachbarschaftshilfe e.V., ehemals Glückauf Nachbarschaftshilfe e.V., in Lünen-Braumbauer aktiv. Unter dem Motto „Hilfe zur Selbsthilfe“ ist in Abstimmung mit den rund 700 Mitgliedern eine umfangreiche und offene Angebotspalette entwickelt worden. Schwerpunktmäßig fördert die Nachbarschaftshilfe an verschiedenen Standorten in Brambauer die generations- und kulturübergreifende Nachbarschaftsbildung, den Aufbau eines sozialen Netzes, Beratung und Freizeitangebote für alle Altersgruppen sowie die Durchführung sozialer Projekte, die als Modellprojekte vom Land NRW anerkannt und gefördert werden. Für ihr überdurchschnittliches Engagement wurde die Nachbarschaftshilfe sowohl mit dem Preis „Soziale Stadt“ als auch mit dem Sonderpreis „Lokale Agenda 21“ der Robert-Jungk-Stiftung ausgezeichnet.
Kontakt-Telefonnummer: 0231.987077-13
Die THS Wohnen GmbH
1920 als TreuHandStelle für Bergmannswohnungen im rheinisch-westfälischen Steinkoh-lenbezirk gegründet, zählt die THS mit rd. 75.000 Wohnungen zu den großen Wohnungs-anbietern Deutschlands. Auch heute folgt die THS ihrem Gründungsauftrag, bezahlbaren Wohnraum für breite Schichten der Bevölkerung zu schaffen. Ein Schwerpunkt des Unter-nehmensinteresses liegt dabei auf der Entwicklung von Siedlungen und Quartieren, in denen nachbarschaftliches Miteinander gefördert und gelebt wird und damit zur Lebensqualität beiträgt.
www.ths.de
Das Demenz-Servicezentrum Nordrhein-Westfalen, Region Dortmund
Das Demenz-Servicezentrum Nordrhein-Westfalen, Region Dortmund, ist eines von – ab dem 1. April 2010 – insgesamt 13 Servicezentren, die seit 2004 im Rahmen der „Landesini-tiative Demenz-Service Nordrhein-Westfalen“ über das Land NRW und die Landesverbände der Pflegekassen finanziert werden. Bis 2009 als Modellprojekte gefördert, haben sich die Servicezentren als landesweit regelfinanziertes Angebot etabliert und bieten u.a. Beratung für Betroffene und deren Angehörigen sowie Schulungen und Kurse für ehrenamtlich Engagierte. Ein weiterer Schwerpunkt ihrer Aufgaben ist die Lobbyarbeit für dementiell Erkrankte, Netzwerkarbeit sowie die Initiierung und der Aufbau niedrigschwelliger Betreuungsangebote.
www.demenzservicezentrum.dortmund.de
www.demenz-service-nrw.de




